Das Fass läuft über…

Bildungsministerium zwingt jedem Gymnasiallehrer mit der geplanten Änderung der Arbeitszeitverordnung durchschnittlich mehr als 750 unbezahlte Unterrichtsstunden auf

Das Bildungsministerium plant für das Schuljahr 2019/2020 folgende Änderungen an der Arbeitszeitverordnung für Lehrkräfte.

1) Streichung §9 (Anrechnung für Unterricht in der Qualifikationsphase)

2) Änderung §5 Abs.1 (Altersermäßigung), wie folgt:

alt: zu Beginn des folgenden Halbjahres nach Vollendung des 60. Lebensjahres Verminderung der Unterrichtsverpflichtung um 2 Wochenstunden

neu: Verminderung der Unterrichtsverpflichtung zu Beginn des folgenden Halbjahres nach Vollendung des

62.63. 64. 65. 66. um
1 2 3 4 5 Wochenstunde(n)

Begründung des Bildungsministeriums:

1) Streichung der Anrechnungsstunden gemäß §9:
Notwendig zur Refinanzierung der Erhöhung der Vergütungssätze für Mehrarbeit gemäß Mehrarbeitsvergütungsverordnung und zur Erhöhung der Anrechnungsdeputate bei Unterrichtausübung bis zum Regelrenteneintrittsalter.

Änderung in der Mehrarbeitszeitvergütung für E13/A13

alt: Studienräte an Gymnasien 33,03 €

neu: Inhaber von Lehrämtern mit Einstieg A13 43,52 €

2) Änderung §5 Abs.1 (Altersermäßigung), wie folgt:
Staffelung und Erhöhung der Altersermäßigung in Summe, wenn die Lehrkraft bis zum Renteneintrittsalter arbeitet.

Das Bildungsministerium bezeichnet diese Neuregelung als kostenneutral, für Lehrkräfte bedeutet diese jedoch unbezahlte Mehrarbeit in erheblichem Stundenumfang, also eine verdeckte Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung.

Anrechnungsstunden für die Arbeit in der Qualifikationsphase gleichen seit Jahrzehnten die erhöhten Anforderungen und Belastungen der Gymnasiallehrer bei der verstärkten wissenschaftspropädeutischen Unterrichtstätigkeit in der gymnasialen Oberstufe aus. Die qualifizierte Vorbereitung unserer jungen Menschen auf eine akademische Laufbahn und Tätigkeiten in Führungspositionen sind besondere Anforderungen, die das Berufsbild von Gymnasiallehrern maßgeblich bestimmt. Für besondere Qualifikationen, Aufgaben und Belastungen wurden und werden in den westlichen Bundesländern dafür Beförderungsstellen A14 ausgewiesen.

Die Gewährung von Anrechnungsstunden honorierten seit Jahren in Sachsen-Anhalt diese besonderen Belastungen für in der Qualifikationsphase tätige Lehrkräfte. Die Umsetzung der neuen bundesweiten Bildungsstandards für das Abitur, neue Fachlehrpläne und nicht zuletzt die für das kommende Schuljahr bevorstehende inhaltliche Anpassung an die neue Oberstufenverordnung stehen als zusätzliche Herausforderungen vor den Lehrerinnen und Lehrern. Die, durch das Finanz- und Bildungsministerium nun geplanten Streichungen können weder im Interesse der Lehrer noch der Schüler und Eltern sein, setzt man doch damit das bisher bundesweit anerkannte Abitur in Sachsen-Anhalt aufs Spiel. Hier geht es nicht um die damit ca. 60 einzusparenden Gymnasiallehrerstellen, sondern um eine qualifizierte und verlässliche Ausbildung unserer künftigen Abiturienten. Ebenso hat die personalwirtschaftliche Maßnahme null Effekt auf die desolate Unterrichtsversorgung in allen anderen Schulformen.

Zur Verdeutlichung der scheinbaren Ausgewogenheit von Nehmen und Geben:

Beispielgymnasium:

Schüler: ca. 950, Stammlehrkräfte: ca. 70, Gesamtbedarf: ca. 1500 Lehrerwochenstunden (LWS)

- Verminderung der wöchentlichen Arbeitszeit aller Kollegen durch Einsatz in der Qualifikationsphase: ca. 30 LWS, das entspricht etwa 0,5 Wochenstunden je Lehrkraft.

- Die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe würde diese Zahl noch erhöhen.

Ø Die Streichung der Anrechnungsstunden für den Einsatz in der Qualifikationsphase sorgt für eine durchschnittliche Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung aller Lehrkräfte um 0,5 Wochenstunden.

ØAuf die Lebensarbeitszeit bezogen sind das bei 0,5h über 40 Dienstjahre mit durchschnittlich 40 Unterrichtswochen somit 800 Unterrichtsstunden Mehrarbeit.

- Nach bisheriger Verordnung erhält eine Lehrkraft mit Vollendung des 60. Lebensjahres, so sie nicht vorzeitig in den Ruhestand eintritt, 2 Abminderungsstunden, das sind in 7 Jahren bei durchschnittlich 40 Unterrichtwochen 560 Unterrichtsstunden.

- Nach neuer Altersanrechnungsregelung erhält die Lehrkraft über 5 Jahre eine Altersermäßigung von durchschnittlich 3 Wochenstunden, das sind in 5 Jahren bei durchschnittlich 40 Unterrichtwochen 600 Unterrichtsstunden.

Ø Diese durchschnittliche Erhöhung der Altersabminderung sorgt also für eine minimale Minderung der zu leistenden Unterrichtsstunden in den letzten Dienstjahren um gerade einmal 40 Unterrichtsstunden, bei Verringerung des Abminderungszeitraums um 2 Jahre.  

Die geplante Änderung der Arbeitszeitverordnung beschert den Kolleginnen und Kollegen an allen zur Hochschulreife führenden Schulen über die Lebensarbeitszeit eine unbezahlte Mehrbelastung von über 750 Unterrichtsstunden.

Waren Lehrkräfte bisher mit hohen Stundendeputaten in der Qualifikationsphase tätig, vervielfacht sich diese Mehrbelastung.  

Sollten, und das ist in unserem Bundesland der Regelfall, die Kolleginnen und Kollegen vorzeitig in den Ruhestand treten, nehmen sie künftig nicht nur weiterhin geminderte Altersbezüge in Kauf, sondern entscheiden sich zusätzlich noch für eine individuelle Erhöhung dieser unbezahlten Mehrarbeit bis auf 800 Stunden.  

Wofür bezahlen die Lehrkräfte den „Verzicht“ auf die Anerkennung der Mehrbelastungen in der Qualifikationsphase?  

Laut Bildungsministerium, und dies hat uns niemand glaubhaft vorgerechnet, ist dieser Schritt zur Gegenfinanzierung der Erhöhung der Vergütung der ständig anwachsenden Mehrarbeitszeit notwendig.  

Eine Lehrkraft erkauft sich, so sie sich ihre Mehrstunden überhaupt vergüten lassen möchte, eine Erhöhung der Bruttovergütung ihrer untertariflich bezahlten Mehrarbeit von 33,03€/h auf 43,52€/h mit 750 und mehr zusätzlich zu leistenden Unterrichtsstunden.  

Das dürfen Sie als Lehrerinnen und Lehrer nicht hinnehmen!

Wir fordern vom Bildungsministerium:  

Ø Verbindliche Zusagen zum Fortbestand einer Abminderungsstunde für einen acht- oder höherstündigen Einsatz in der Qualifikationsphase oder

Ø Beförderung in A14/EG14 für alle Kolleginnen und Kollegen, die mindestens 5 Jahre erfolgreich in der Qualifikationsphase unterrichtet haben

Ø Keine weiteren Versuche zur offensichtlichen oder verdeckten Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung

Ø Beibehaltung der Altersermäßigung ab Vollendung des 60. Lebensjahres

Ø Unser Vorschlag ist kostenneutral zum Vorschlag des Bildungsministeriums

60. 61. 62. 63. 64. 65. 66. um
1 1 2 2 2 3 3 Wochenstunde(n)

Ø Bestandsschutz für Altersermäßigung für alle Kolleginnen und Kollegen, für die sich durch die Neuregelung eine Reduzierung der aktuellen Abminderungsstunden ergeben würde

Ø Vollständiger Freizeitausgleich oder mindestens tarifliche Entlohnung von Mehrarbeit  

Andere Bundesländer lösen Ihre Finanzierungsprobleme auch nicht über kostenlose Mehrarbeit im Schulbereich, sondern bemühen sich um für alle Seiten zufriedenstellende, kreative Lösungen, die nicht nur einseitig die Lehrerschaft belastet. Warum will Sachsen-Anhalt hier einen Sonderweg beschreiten?  

Sollte das Bildungsministerium nicht unverzüglich in Verhandlungen mit dem Philologenverband und dem dbb beamtenbund und tarifunion sachsen-anhalt über diesen Entwurf eintreten und unverändert an seinem Entwurf festhalten, werden wir alle Lehrerinnen und Lehrer zu entschlossenen und konsequenten Reaktionen aufrufen.  

Merseburg, 15.05.2019
 

Geschäftsführender Vorstand
des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt