Gut gerüstet ins neue Schuljahr?

Dank besonderer finanzieller Anreize für Neueinstellungen im ländlichen Raum, flexibler Arbeitszeitmodelle im Lehrerbereich, Ausgleichszahlungen für angestellte Lehrkräfte, attraktiver Vergütung von Mehrarbeit und der Schaffung von Beförderungsstellen für Lehrkräfte konnten alle ausgeschriebene Stellen zum Schuljahresstart besetzt werden, Anträge auf vorzeitigen Ruhestand und Teilzeitarbeit gingen signifikant zurück, die Unterrichtsversorgung liegt über 100%.

Zu Beginn des Schuljahres sind nun ein Viertel der Schulen in Sachsen-Anhalt mit Luftfiltersystemen ausgestattet. Bis zum nächsten Schuljahr sollen weitere 25% folgen. Für alle Kreise stehen über das technische Hilfswerk mobile Raumfilteranlagen als Insellösungen bei kritischem Infektionsgeschehen bereit. 95% aller Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen-Anhalt sind zweimal geimpft. Für Schülerinnen und Schüler werden für das kommende Schuljahr wöchentlich zwei Corona-Tests zur Verfügung gestellt.

Schon vor Beginn der Sommerferien begann in Kooperation von Land und Kommunen die Inbetriebnahme einer landesweit einheitlichen Kommunikationssoftware für Schüler, Eltern und Lehrer. Learning Content Management Systeme, Videokonferenz-Tool, Kollaborations-Tools und Upload-Dienste für Unterrichtsmaterialien sind integriert. Alle Schulen sind zum Schuljahresstart in dieses System eingebunden. Schülern und Lehrern stehen Endgeräte zur Nutzung zur Verfügung, Schulbuchverlage binden zeitnah ihre Lehrwerke ein.
Vergleichbar den Buchungen an Nord- und Ostsee zu Ferienbeginn schrieben sich Schülerinnen und Schüler in Sommerakademien, Ferien-Lerncamps und vielfältige Förderangebote von Hochschulen, Universitäten, Schulen und freien Bildungsträgern ein, um Lerndefizite der zurückliegenden Corona-Monate aufzuarbeiten. Die Schulen werden zum Schuljahresstart mit einer Vielzahl von außerunterrichtlichen Förderangeboten Schülerinnen und Schüler individuell fördern und Lernrückstände ausgleichen.

… es klingt zu schön, um wahr zu sein

Das zweite Corona-Schuljahr liegt weit hinter uns, ist Geschichte. Lehrkräfte und Schüler sind mit ihren Familien und Freunden im Urlaub oder genießen einfach die wohlverdienten Ferien, haben also frei. Die dominierenden Probleme jedoch haben keine Ferien und entwickeln sich erneut in eine unerfreuliche Richtung. Die Probleme haben Namen: Coronapandemie, Digitalisierung, Unterrichtsversorgung und sie sind kaum unabhängig voneinander zu betrachten, da sie sich gegenseitig verstärkten.

Seit Jahren belastet die mangelhafte Unterrichtsversorgung die pädagogische Arbeit in allen Schulformen. Trotz gesteigerter Bemühungen in Politik und Verwaltung, wird es auch in diesem Schuljahr erwartungsgemäß nicht zu einer deutlichen Richtungsänderung in diesem sensiblen Bereich kommen. Da hilft auch eine weitere fünfjährige Willenserklärung einer neuen Koalition des Festhaltens am Ziel einer 103 %-igen Unterrichtsversorgung nicht weiter. Für die Arbeit vor Ort in den Schulen, besonders für Schülerinnen und Schüler, wird die weiter anhaltende Unterversorgung mit regulär ausgebildeten Lehrkräften erneut gravierende Folgen haben. Die vorgenommenen Kürzungen der amtlichen Stundentafeln in vielen Schulformen werden anhalten, es wird weiterhin zu einer immensen Häufung von Ausfallstunden und nichtfachgerechtem Vertretungsunterricht kommen. Auch die im letzten Schuljahr geschaffene Möglichkeit der bezahlten freiwilligen Mehrarbeit wird dieses Problem nur marginal mindern. Die Zahl der Seiteneinsteiger wird steigen und mit ihr die Anzahl fachlich und pädagogisch nicht ausreichend ausgebildeter Lehrerinnen und Lehrer in allen Schulformen.

Die Gewinnung von neuen Lehrerinnen und Lehrern wird auch in den kommenden Jahren primäre Aufgabe der Regierung sein. Ebenso wichtig jedoch ist die Schaffung von Rahmenbedingungen, die Lehrkräfte bis zum Erreichen des regulären Renteneintrittsalters im System Schule hält. Ersteres bedarf einer umfassenden und effizienten Studienorientierung, bedarfsgerechter fächer- und schulformspezifischer Ausbildungskapazitäten, einer praxisorientierten Umstrukturierung der Lehrerbildung an den Hochschulen und Universitäten und einer Erhöhung der Attraktivität des Lehrberufs, insbesondere der Arbeit außerhalb der beiden Ballungsräume Halle und Magdeburg.

Unterrichtsbedarfe können nur nachhaltig gesichert werden, wenn Lehrkräfte nicht vorzeitig aus dem Berufsleben aussteigen. Dazu sind verstärkte Maßnahmen zur Gesundheitsprävention und eine deutliche Reduzierung der aktuell jährlich steigenden Überlastungen im Lehrerberuf zwingend notwendig. Flexible Arbeitszeitmodelle und die Wiedereinführung von Arbeitszeitkonten zur Ansparung und dem späteren Ausgleich von Mehrarbeit sind ebenso notwendig, wie eine noch bessere Vergütung von Mehrarbeit. Mehrleistungen über die Regelbelastungen hinaus berechtigen zu einer Mehrvergütung über die Höhe der Regelvergütung. Höherwertige Tätigkeiten im normalen Lehrerberuf verlangen auch eine höhere Vergütung, die Einführung von Beförderungsstellen für Lehrerinnen und Lehrern ist überfällig, ebenso Ausgleichszahlungen für angestellte Lehrkräfte, um die Nettoeinkommensverluste gegenüber Lehrkräften im Beamtenverhältnis zu verringern. Seiteneinsteiger sind verbindlich berufsbegleitend zu qualifizieren. Der Erwerb der Lehrbefähigung im berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst und der Unterrichtsbefähigung für ein weiteres Fach der Stundentafel sind verbindlich zu regeln.
Auch im kommenden Schuljahr werden Hygieneverordnungen die Unterrichtsorganisation an unseren Schulen bestimmen.

Für Lehrkräfte gab es im vergangenen Schuljahr ein umfassendes Impfangebot. Ein dritte Auffrischungsimpfung sollte auch unter dem Gesichtspunkt der raschen Ausbreitung der Deltavariante und der gestiegenen Infektionszahlen im Altersbereich der Schülerinnen und Schüler für Lehrkräfte angeboten werden. Impfangebote für Schülerinnen und Schüler über den Hausarzt und in Verantwortung der Familien sind zu unterstützen, Impfkampanien in den Schulen oder eine Impfpflicht sind generell abzulehnen. Zur Früherkennung und Eindämmung von Infektionsgeschehen und zum Schutz aller am Schulleben beteiligten sind auch im kommenden Schuljahr verpflichtend wöchentlich zwei Corona-Testungen für nicht vollständig Geimpfte durchzuführen. Für Schülerinnen und Schüler und nicht impffähige Lehrkräfte sind diese kostenfrei vorzuhalten.

Abstands- und Hygieneregeln sind verbindlich umzusetzen. Impfangebote, Hygienekonzepte und umfassende Testungen sollten einen Schulbetrieb ohne Maskenpflicht und im Regelfall als Präsenzunterricht ermöglichen, Hybrid- oder Wechselunterricht hat nur bei einer besonderen Gefährdungssituation zu erfolgen. Die bisherigen Organisationsentscheide auf Grundlage von Inzidenzen sind an die geänderte Impfsituation- und Infektionssituation anzupassen. Alle Schülerinnen und Schüler sind zur Teilnahme am Präsenzunterricht zu verpflichten.
Die Hoffnung, dass Präsenzunterricht ohne Maskenpflicht stattfinden kann, wird auch durch die wieder aufkommende Diskussion zur Installation von Lüftungsgeräten genährt. Schon seit 2020 wurde durch uns der Einsatz solcher Geräte gefordert, vom Land jedoch mit dem Argument fehlender oder verlässlicher Daten zur Wirksamkeit ausgebremst. Mit dem Förderprogramm des Bundes ist Bewegung in diese Angelegenheit gekommen, Lüftungsgeräte werden nicht mehr prinzipiell abgelehnt, sondern sollen in Räumen, die nicht ausreichend gelüftet werden können zum Einsatz kommen. Dieser Ansatz ist jedoch halbherzig und kurzsichtig, denn bei sinkenden Außentemperaturen ist die Lüftung jedes Unterrichtsraumes problematisch. Es bedarf zwingen eines umfassenden Stufenplans zur Aus- und Nachrüstung aller Unterrichtsräume. Neben der Virenbelastung der Atemluft in Unterrichtsräumen geht es auch um eine Absenkung der CO2-Konzentrion und eine Anhebung der relativen Luftfeuchtigkeit.

Schulschließungen, Distanzunterricht, Hybridunterricht, Masken- und Testpflicht und die Debatte über die Notwendigkeit und Bedeutung von Impfungen beeinflussten alle Bereiche der schulischen Tätigkeiten. Es zeigen sich nach wie vor, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt, Defizite in der Ausstattung der Schulen mit digitalen Endgeräten und bei der Leistungsfähigkeit der Internetzugänge. Auch die technischen Möglichkeiten, die den Schülerinnen und Schüler zu Hause zur Teilnahme am Onlineunterricht und dem digitalen Lernen und Arbeiten zur Verfügung stehen sind sehr unterschiedlich. Für die Schülerinnen und Schüler wurden relativ schnell Leihgeräte, einfache Laptops, bereitgestellt. Diese werden genutzt, ihre technische Konfiguration lässt jedoch eine effektive Arbeit nicht zu, da diese Geräte keine Touchscreens besitzen und somit zusätzlicher Infrastruktur in Form von Druckern und Scannern bedürfen, die genau in den Familien, die diese Leihgeräte nutzen nicht vorhanden sein dürften. Die Dienstrechner für Lehrerinnen und Lehrer befinden sich seit Ende des letzten Schuljahres endlich an den Schulen. Es bleibt zu hoffen, dass die Absprachen von Land und Schulträgern soweit gediehen sind, dass diese recht unterschiedlichen Endgeräte zum Schulstart nicht nur den Kolleginnen und Kollegen übergeben werden, sondern auch datenschutzsicher sowohl in die häusliche als auch schulische IT eingebunden werden können und neben dem Betriebssystem auch grundlegende Anwendersoftware zur Nutzung zur Verfügung steht.

Es ist davon auszugehen und erste Untersuchungen haben das bestätigt, dass besonders im Bereich der Primar- und Sekundarschuljahrgänge erheblicher Nachholbedarf in Bezug auf die Lernstoffvermittlung und Kompetenzentwicklung besteht. Die Ergebnisse der Abiturprüfungen der letzten beiden Schuljahre zeigten, dass auch bei inhaltlicher und stofflicher Schwerpunktsetzung vergleichbare und anspruchsvolle Prüfungen abgelegt werden können. Dieses erfolgreiche Verfahren zur Vorbereitung und Durchführung der Prüfungen ist für die kommenden Jahrgänge der Qualifikationsphase weiter zu evaluieren und anzupassen.

Die Zukunft wird zeigen, inwieweit der Einsatz der erheblichen finanziellen Mittel, die der Bund zur Behebung von Lerndefiziten zur Verfügung gestellt hat, bei Schülerinnen und Schülern mit deutlichem Nachholbedarf positive Effekte zeigt.

Es liegt viel Arbeit vor der neuen Regierungskoalition und dem Bildungsministerium. Der Philologenverband Sachsen-Anhalt stellt sich den Herausforderungen des kommenden Schuljahres, steht als kompetenter und verlässlicher Partner für eine Zusammenarbeit zur Verfügung und wird seinen Beitrag zur Weiterentwicklung von Schule in unserem Land leisten.

Merseburg, den 23.08.2021